Wie aus einem „Porzellanunfall“ eine Geschäftsidee wurde

 
Auf dem Weg zu ihrem eigenen Keramikstudio spielte der Besuch im CREAPOLIS Makerspace, der offenen Werkstatt der Hochschule Coburg, für Annica Heilborn eine wichtige Rolle. Im Interview gibt sie einen Einblick in ihre Gründungsreise.

2023 hat Annica Heilborn ihr Keramikstudio studio muud gegründet und begonnen, Schlickerguss-Workshops zu geben – damals noch im Nebengewerbe. Ihr Angebot kam so gut an, dass sie ihr Studio mittlerweile hauptberuflich betreibt. Die ersten Prototypen auf dem Weg zum eigenen Studio sind, damals noch in der Direktorenvilla des ehemaligen Schlachthofgeländes, entstanden.

Heute entwickelt und fertigt sie unter dem Namen studio muud farbiges Porzellan im Schlickerguss und gibt Workshops, in denen die Teilnehmende ihre eigenen Stücke gießen.

Annica, wie bist Du zum Schlickerguss gekommen?

Annica Heilborn: Ich habe von meiner Mutter eine wunderschöne, handgemachte Tasse geschenkt bekommen. Sie ist kaputt gegangen und ich wollte sie nachkaufen. Allerdings habe ich keinen passenden Ersatz gefunden. Dann habe ich einen Batzen Ton gekauft und versucht, sie selbst nachzumachen.

Das Ergebnis hatte mit der ursprünglichen Tasse nicht besonders viel zu tun – aber damit war mein Ehrgeiz geweckt. Ich habe mich immer tiefer in die Materie eingearbeitet und bin schließlich beim Schlickerguss gelandet.

Am Schlickerguss hat mich von Anfang an genau diese Mischung gereizt: Auf der einen Seite arbeite ich sehr technisch und präzise – ich konstruiere meine Modelle am Rechner, drucke sie in 3D und baue daraus die Gipsformen. Und dann gieße ich unterschiedlich eingefärbte Porzellanmassen hinein und gebe einen Teil der Kontrolle wieder ab. Die Muster und Verläufe, die dabei entstehen, lassen sich nie ganz planen oder wiederholen. Genau das finde ich bis heute spannend: Die Form ist definiert, aber was darin passiert, ist jedes Mal anders.

Und wie ging deine Gründungsreise dann weiter?

Die ersten Formen für meine Becher sind bei uns in der Küche entstanden, vor etwa sechs Jahren, ein halbes Jahr nach dem „Porzellanunfall“. Dann bin ich in eine Werkstatt im Itzgrund gezogen und hab dort viel ausprobiert – das war auf eine gewisse Art und Weise meine Lehrzeit.

Dadurch, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht davon leben musste, konnte ich mir erlauben, viel auszuprobieren – und auch Fehler zu machen. Die waren oft meine besten Lehrer, weil ich dadurch die Prozessgrenzen und das Material immer besser kennengelernt habe.

2023 stand dann zufällig Jeroen von Hollanddesign in der Postfiliale in der Casimirstraße vor mir und hat dort seine Postkarten für den Verkauf angeboten. Ich war damals auf der Suche nach einem Weg, mein Porzellan zu zeigen und zu verkaufen, der zu mir passt. Er hat mir den Hinweis gegeben, dass ich mich beim Coburger Designforum melden soll. So bin ich zu meinem Studio in der Kulturfabrik gekommen, wo damals auch erstmals die Coburger Designtage stattfanden.

Wie konntest Du den Makerspace auf deiner Gründungsreise nutzen?

Ich habe den Einführungskurs für den 3D-Drucker bei Jan belegt – damals noch in der Villa. Im Anschluss haben wir dort mein erstes Modell für eine Gussform 3D-gedruckt – einen Becher, aus dem später die Gipsform entstand.

Im Grunde war der Makerspace eine Spielwiese für mich – ich konnte jederzeit herkommen und hatte die Freiheit, Dinge auszuprobieren, auch wenn sie noch nicht bis ins kleinste Detail geplant waren. Im Zweifelsfall konnte ich immer nachbessern, deshalb war auch die Hürde, mit dem Prototypen zu starten, nicht groß. Dadurch, dass man „nur“ die Materialkosten tragen musste und keine Maschinenstunden bezahlen musste, war der Druck, dass etwas nicht klappt, nicht zu hoch. Außerdem war immer jemand vor Ort, den man nach Unterstützung fragen konnte.

Vom 3D-Druck der ersten Modelle bis zu meiner Gründung sind noch zwei Jahre vergangen. Ich habe hier auch einiges für mein Studio gemacht – zum Beispiel ein Regal für meine Werkstatt gebaut und den Schriftzug „studio muud“ für mein Fenster geplottet.

Und was hast Du ursprünglich gelernt und gearbeitet?

Ich bin in Münster in Westfalen geboren und aufgewachsen. Nach dem Abi habe ich in Bayreuth Umwelt- und Bioingenieurwissenschaften mit Schwerpunkt Werkstoff- und Verfahrenstechnik studiert. Dort habe ich auch viel mit Keramik gemacht – zum Beispiel habe ich im Bereich Keramik geforscht und auch Sensoren auf Keramikbasis entwickelt.

Danach bin ich in die Wirtschaft gewechselt und habe als Prozessingenieurin und später in Lichtenfels als Ingenieurin im Bereich additive Fertigung und metallischer 3D-Druck gearbeitet. Vor einigen Jahren habe ich angefangen, wieder kreativ zu werden und gemerkt, dass mir der kreative Schaffensprozess in meinem Arbeitsalltag sehr fehlt.

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